Zwei Zahlen, die immer wieder für Verwirrung sorgen: 57 Kilometer und 24,5 Kilometer. Beide gehören zum längsten Tunnel der Welt – je nachdem, wen Sie fragen. Der eine ist ein Bahntunnel unter einem Schweizer Bergmassiv, der andere ein Straßentunnel durch norwegische Fjell. Und dann gibt es noch einen dritten Kandidaten in China, der seit Kurzem ebenfalls Anspruch auf einen Rekord erhebt. Wer da nicht aufpasst, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Ich habe mir die Sache genauer angesehen, weil mir genau diese Verwirrung bei einer Diskussion über alpine Verkehrsprojekte aufgefallen ist. Ein Bekannter schwörte, der längste Tunnel der Welt sei der Gotthard. Ein anderer sagte, das sei längst überholt. Beide hatten recht – und beide lagen falsch. Der Grund: Es kommt darauf an, ob Sie nach Schiene oder Straße fragen, und ob Sie einen einröhrigen oder einen zweiröhrigen Tunnel zählen.
Wichtige Erkenntnisse
- Der längste Tunnel der Welt insgesamt ist der Gotthard-Basistunnel in der Schweiz mit 57 Kilometern – ein Eisenbahntunnel.
- Der längste Straßentunnel der Welt ist der Lærdalstunnel in Norwegen mit 24,5 Kilometern, eröffnet im Jahr 2000.
- In China wurde mit dem Tianshan-Shengli-Tunnel ein neuer Rekord für Autobahntunnel mit getrennten Röhren aufgestellt: 22,13 Kilometer.
- Die Unterscheidung nach Schiene, Straße und Bauart entscheidet darüber, welcher Rekord überhaupt gilt.
- Österreich ist mit rund 170 Tunneln auf Autobahnen und Schnellstraßen eines der tunnelreichsten Länder Europas.
Welcher Tunnel darf sich wirklich den längsten der Welt nennen?
Die ehrliche Antwort: Es gibt keinen einzigen Rekord, sondern mehrere parallel laufende. Wer das nicht auseinanderhält, landet schnell bei falschen Vergleichen. Ich habe das anfangs selbst durcheinandergebracht, bis ich mir eine simple Faustregel angewöhnt habe.
Schiene schlägt Straße – deutlich
Der Gotthard-Basistunnel in der Schweiz hält den Titel des längsten Tunnels der Welt, wenn man keine Kategorie ausschließt. Er verläuft auf 57 Kilometern durch das Gotthardmassiv, an seiner tiefsten Stelle liegen bis zu 2.300 Meter Gestein über der Röhre. Die Bauzeit betrug rund 17 Jahre, eröffnet wurde er am 1. Juni 2016.
Daneben existiert der Brennerbasistunnel, der nach seiner Fertigstellung mit 64 Kilometern den Gotthard übertrumpfen soll – aber solange er nicht vollständig in Betrieb ist, gilt der Schweizer Tunnel. Das ist ein wichtiger Punkt, den viele Übersichten übergehen: Im Bau ist nicht dasselbe wie in Betrieb.
Und wer nach dem längsten Tunnel unter Wasser sucht, landet beim Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien. Seine 50,5 Kilometer laufen größtenteils unter dem Ärmelkanal, davon etwa 38 Kilometer tatsächlich unter Wasser. Es ist ebenfalls ein Eisenbahntunnel – Autos werden verladen, nicht durchgefahren.
Straße, Autobahn, zwei Röhren – hier wird es knifflig
Und jetzt zu der Frage, die tatsächlich am häufigsten gestellt wird.
Wie lang ist der längste Autotunnel der Welt?
Der längste Straßentunnel der Welt ist der Lærdalstunnel in Norwegen mit 24,5 Kilometern. Er wurde im Jahr 2000 eröffnet und verbindet die Orte Lærdal und Aurland an einem Fjordarm. Was ihn besonders macht: Er ist einröhrig, also mit Gegenverkehr befahren, und er hat keine Notausstiege im klassischen Sinn. Stattdessen gibt es drei große, hell beleuchtete Ruhehallen, in denen Fahrer anhalten können – eine Maßnahme gegen die gefürchtete Monotonie auf so langer Strecke.
In China wurde mit dem Tianshan-Shengli-Tunnel in Xinjiang ein anderer Rekord aufgestellt: Mit 22,13 Kilometern gilt er als längster Autobahntunnel der Welt. Der Unterschied zum Lærdal liegt in der Bauart – der chinesische Tunnel besteht aus zwei getrennten Röhren für je eine Fahrtrichtung. Er führt durch Gebirge, die über 3.000 Meter hoch liegen, und das Bauwerk reicht bis zu 1.112 Meter tief unter die Oberfläche. Die Bauzeit lag bei etwa fünf Jahren, die Kosten beliefen sich auf umgerechnet mehrere Milliarden Euro.
Welcher ist nun „der längste"? Kommt darauf an. Nach reiner Länge führt der Lærdal. Nach der Kategorie „Autobahn mit getrennten Röhren" führt der Tianshan-Shengli.
Die wichtigsten Rekordtunnel im direkten Vergleich
Damit Sie nicht selbst jonglieren müssen, hier die Übersicht. Ich habe bewusst nach Nutzungsart sortiert, weil das die entscheidende Trennlinie ist.
| Tunnel | Land | Länge | Art | In Betrieb seit |
|---|---|---|---|---|
| Gotthard-Basistunnel | Schweiz | 57 km | Eisenbahn | 2016 |
| Eurotunnel | Frankreich/Großbritannien | 50,5 km | Eisenbahn (Autoverlad) | 1994 |
| Lærdalstunnel | Norwegen | 24,5 km | Straße, einröhrig | 2000 |
| Tianshan-Shengli-Tunnel | China | 22,13 km | Autobahn, zweiröhrig | 2025 |
| Gotthard-Straßentunnel | Schweiz | 16,9 km | Straße | 1980 |
Kurz gesagt: Wer nach dem längsten Tunnel der Welt fragt, ohne die Kategorie zu nennen, bekommt je nach Antwortquelle eine andere Zahl. Das ist keine Nachlässigkeit der Quellen – es sind schlicht verschiedene Rekorde.
Wie sieht es in Österreich aus?
Österreich ist ein Tunnel-Land, und das nicht nur wegen der Alpen. Auf Autobahnen und Schnellstraßen gibt es rund 170 Tunnelbauwerke, dazu kommen hunderte kürzere Röhren auf Landes- und Gemeindestraßen sowie im Bahnnetz. Wer regelmäßig über die Brennerautobahn oder die Tauernautobahn fährt, kennt das Gefühl, mehr Zeit unter als über der Erde zu verbringen.
Die längsten österreichischen Tunnel
- Gotthard-Straßentunnel – gehört zur Schweiz, nicht zu Österreich, wird aber bei Alpentransit-Diskussionen ständig mit dem österreichischen Netz verglichen.
- Arlberg-Straßentunnel in Tirol mit knapp 14 Kilometern – der längste Straßentunnel des Landes.
- Plabutschtunnel bei Graz, rund 10 Kilometer, eine der längsten Stadtumfahrungen durch einen Berg.
- Der Bosrucktunnel und der Gleinalmtunnel auf der A9 – kürzer, aber verkehrstechnisch zentral für den Nord-Süd-Verkehr.
Was mich an der österreichischen Tunnellandschaft immer wieder überrascht: die Sicherheitsausstattung. Viele Röhren haben in den letzten Jahren aufwendige Nachrüstungen bekommen – neue Fluchtwege, Belüftungssysteme, Videotechnik. Das kostet, klar. Aber es ist auch der Grund, warum ich mich in einem österreichischen Autobahntunnel subjektiv sicherer fühle als in manch einem norwegischen, wo schlicht die Hallen und sonst wenig da ist. Ob das objektiv stimmt, wage ich nicht zu behaupten – es ist mein Eindruck.
Gibt es aktuell Baustellen im Gotthardtunnel?
Ja – und zwar gleich an zwei Fronten, was viele nicht wissen. Hier lohnt die Unterscheidung zwischen dem Straßen- und dem Eisenbahntunnel, denn beide sind betroffen, aber völlig unterschiedlich.
Der Straßentunnel wird generalsaniert
Der Gotthard-Straßentunnel von 1980 kommt in die Jahre. Die Röhre wird einer umfassenden Sanierung unterzogen, bei der unter anderem die Fahrbahn, die Lüftung und die Sicherheitseinrichtungen erneuert werden. Für Reisende bedeutet das: Es kommt zu Sperrungen und zu Verlagerungen des Verkehrs auf andere Alpenübergänge oder auf die Schiene. Wer eine Fahrt über den Gotthard plant, sollte vorher unbedingt die aktuellen Sperrzeiten prüfen – die Situation ändert sich je nach Bauphase.
Am Bahntunnel läuft der reguläre Betrieb
Der Gotthard-Basistunnel selbst ist in Betrieb, aber auch dort gibt es Instandhaltungsarbeiten. Diese laufen meist nachts und in abgesperrten Abschnitten, sodass der Personen- und Güterverkehr tagsüber weitgehend normal rollt. Ausfälle kommen vor, sind aber punktuell.
Ein Detail, das gern übersehen wird: Der Straßentunnel ist keine einfache Baustelle, sondern ein jahrelanges Projekt. Wer 2026 durch den Gotthard will, plant am besten flexibel und nicht auf die Minute.
Warum ist der Gotthard-Straßentunnel so sanierungsbedürftig?
Nach mehr als vier Jahrzehnten Dauerbetrieb mit hohem Schwerverkehrsanteil sind Fahrbahn, Entwässerung und Belüftung an ihre Verschleißgrenzen gekommen. Die Röhre wurde für eine andere Verkehrsbelastung ausgelegt als heute Realität ist. Eine Grundsanierung ist deshalb unumgänglich – Aufschub würde die Sicherheit gefährden.
Welcher Tunnel wird künftig der längste der Welt sein?
Der Brennerbasistunnel ist der Anwärter. Mit einer geplanten Länge von 64 Kilometern würde er den Gotthard-Basistunnel ablösen. Er verbindet Innsbruck mit dem italienischen Fortezza und ist als Eisenbahntunnel konzipiert. Die Fertigstellung zieht sich, was bei Projekten dieser Größenordnung niemanden überraschen sollte.
Ein zweiter Kandidat kommt aus China: der Tianshan-Shengli-Tunnel ist zwar bereits in Betrieb, aber in der Autobahn-Kategorie gibt es Bestrebungen, ihn noch zu übertreffen. Konkrete, belastbare Zahlen zu Nachfolgeprojekten sind allerdings dünn gesät – vieles steckt noch in der Planungsphase.
Und der kürzeste Tunnel der Welt?
Eine Frage, die überraschend oft kommt. Die Antwort ist weniger spektakulär: Es gibt keinen offiziell anerkannten „kürzesten Tunnel der Welt", weil die Grenze zum Durchlass oder zur Unterführung fließend ist. Irgendwo zwischen einem kurzen Straßendurchlass und einem echten Tunnel verliert sich jede statistische Erfassung. Ehrlich gesagt: Ich halte die Frage für einen Running Gag unter Tunnel-Enthusiasten.
Was am Ende hängen bleibt
Wenn Sie sich künftig an einer Diskussion über den längsten Tunnel der Welt beteiligen, haben Sie jetzt die entscheidenden Zahlen. 57 Kilometer Gotthard-Basistunnel für die Schiene, 24,5 Kilometer Lærdalstunnel für die Straße, 50,5 Kilometer Eurotunnel unter dem Ärmelkanal. Und ein chinesischer Newcomer, der die Kategorie „Autobahn mit getrennten Röhren" für sich beansprucht.
Was mich daran am meisten fasziniert: Wir reden über Bauwerke, die Menschen über Jahrzehnte hinweg aus dem Fels schneiden, Milliarden verschlingen und am Ende oft nur eine Durchfahrtszeit von zwanzig Minuten sparen. Aber genau diese zwanzig Minuten entscheiden darüber, ob ein Tal wirtschaftlich abgehängt wird oder nicht. Tunnel sind keine Ingenieursdenkmäler. Sie sind Verkehrspolitik aus Beton.
Wer einmal nachts durch den Lærdalstunnel gefahren ist – ich habe es auf einer Norwegenreise getan – weiß, wie absurd und großartig so ein Bauwerk gleichzeitig sein kann. Nach zehn Kilometern fangen die Augen an, Muster in den Beleuchtungsstreifen zu suchen. Nach fünfzehn fragen Sie sich, ob da draußen noch eine Welt ist. Und dann, bei Kilometer 24,5, sind Sie plötzlich wieder im Tageslicht, und alles ist, als wäre nichts gewesen.