Der Eintritt in den Winterpalast ist ein Schock für die Erwartung. Sie schieben sich durch die Jordan-Treppe, dieses goldene, weiße, überbordende Ding, und rechnen mit Pracht. Und dann stehen Sie in einem Raum, in dem eine einzige Ikone hängt, und die Pracht ist plötzlich Nebensache. So geht es mir jedes Mal, wenn ich Besucher durch die Eremitage führe. Die meisten kommen wegen der Gebäude. Sie gehen wegen der Bilder.
Die Eremitage in Sankt Petersburg ist mit rund drei Millionen Objekten im Bestand eines der größten Kunstmuseen der Welt – nur ein Bruchteil davon, etwa 65.000 Stücke, ist in über 350 Sälen dauerhaft zu sehen. Das klingt nach einer Zahl, die man einmal hört und wieder vergisst. Tatsächlich ist es der Schlüssel zu allem, was bei einem Besuch schiefgehen kann: Wer diesen Ort wie ein Museum behandelt, verliert. Wer ihn wie eine Stadt behandelt, gewinnt.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Winterpalast ist nur eines von fünf zusammenhängenden Gebäuden – viele Besucher sehen den Rest nie.
- Die Sammlung umfasst rund drei Millionen Objekte, ausgestellt ist weniger als ein Zehntel.
- Wer zwei Stunden einplant, sieht Flure. Wer vier bis fünf Stunden einplant, sieht Kunst.
- Die berühmten Eremitage-Katzen leben heute vor allem im Untergeschoss und in der Umgebung – nicht in den Ausstellungssälen.
- Ein Tag pro Etage ist realistischer als „alles an einem Tag“.
- Die Kartenlage ist das größte Risiko, nicht die Größe des Hauses.
Warum die Eremitage Sankt Petersburg mehr ist als der Winterpalast
Fast alle stellen sich unter „Eremitage“ einen einzigen Bau vor. Ein Irrtum mit Folgen. Der Komplex an der Newa besteht aus fünf verbundenen Gebäuden, und die wenigsten Besucher bekommen mit, dass sie beim Verlassen des Winterpalasts bereits drei davon durchquert haben.
Die fünf Gebäude und was sie unterscheidet
Der Winterpalast ist das architektonische Aushängeschild, die ehemalige Residenz der Romanows, entworfen von Bartolomeo Rastrelli in den 1750er-Jahren. Direkt daneben liegt die Kleine Eremitage, ursprünglich ein privater Rückzugsort für Katharina die Große und ihre Gäste – der Name „Ermitage“ kommt genau daher, vom französischen Wort für Einsiedelei. Es folgen die Alte Eremitage, die Neue Eremitage (hier hängen die meisten großen Gemälde) und das Eremitage-Theater, das separat liegt und eigene Aufführungen hat.
Was bedeutet das praktisch? Gänge verbinden die Häuser, aber nicht jeder Durchgang ist offen, und manche Übergänge wirken wie Sackgassen. Ich habe einmal eine Gruppe am Ende der Neuen Eremitage verloren, weil sie dachte, es gehe nicht weiter – dabei war der Ausgang zur Alten Eremitage nur zwei Türen weiter links. Kurz gesagt: Wer sich nicht vorher mit dem Grundriss beschäftigt, läuft buchstäblich im Kreis.
Wie groß ist die Eremitage wirklich?
Rund drei Millionen Objekte im Depot und in den Sälen, verteilt auf mehr als 350 Ausstellungsräume. Zum Vergleich: Der Louvre kommt auf etwa 35.000 ausgestellte Werke in deutlich weniger Räumen. Die Eremitage ist damit nicht nur flächenmäßig größer, sondern auch in der Breite der Epochen und Kulturen – von der Antike über die italienische Renaissance bis zur französischen Moderne. Die schiere Menge ist der eigentliche Feind eines entspannten Besuchs.
Eremitage Sankt Petersburg Bilder: welche Säle wirklich lohnen
Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet nicht „Was ist das Beste?“, sondern „Was kann ich weglassen?“. Ehrlich gesagt ist die zweite Frage die wichtigere. Hier ist meine Auswahl, geordnet nach dem Aufwand, den sie wert sind.
Die unverzichtbaren
- Rembrandt – die „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ hängt in der Neuen Eremitage und ist das eine Bild, bei dem ich jedes Mal länger stehe als geplant. Die Sammlung niederländischer Meister gilt als eine der bedeutendsten außerhalb der Niederlande.
- Matisse und Picasso – die Sammlung französischer Moderne geht auf die Sammeltätigkeit der russischen Kaufleute Schtschukin und Morosow zurück und ist in dieser Dichte kaum woanders zu sehen.
- Die Skythischen Goldfunde – im Erdgeschoss, oft übersehen, und für mich der unterschätzteste Teil des Hauses.
- Die Jordan-Treppe – die Prunktreppe am Haupteingang, barock bis zum Rand, und der erste Moment, in dem man versteht, was „Zarenpalast“ bedeutet.
Was Sie getrost auslassen können
Die Rüstungssäle im Erdgeschoss sind für Spezialisten großartig und für alle anderen ein langer Korridor aus Metall. Die Antikensammlung im Erdgeschoss ist beeindruckend, aber wenn Sie nur einen halben Tag haben, kostet sie Sie die Moderne. Und die Säle mit europäischem Kunsthandwerk – Porzellan, Möbel, Uhren – sind hübsch, aber sie wiederholen sich in ihrer Wirkung nach dem dritten Raum.
Mein Rat aus Erfahrung: Wählen Sie zwei Schwerpunkte pro Besuch, nicht fünf. Ich habe es anfangs anders gemacht, drei Tage hintereinander, und mich am dritten Tag an fast nichts mehr erinnert. Das ist der Punkt, an dem ein Museum in Arbeit umkippt.
Eremitage St Petersburg Bernsteinzimmer: was wirklich dahintersteckt
Immer wieder höre ich die Frage nach dem Bernsteinzimmer im Zusammenhang mit der Eremitage. Hier muss ich aufräumen, und zwar deutlich: Das Bernsteinzimmer steht nicht in der Eremitage. Es befindet sich im Katharinenpalast in Zarskoje Selo, etwa 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg, und ist ein eigener Ausflug mit eigener Eintrittskarte.
Die Verwechslung hat einen Grund: Das Original-Bernsteinzimmer wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen aus Zarskoje Selo verschleppt und ist seither verschollen. Der heutige Raum ist eine Rekonstruktion, die über Jahrzehnte angefertigt wurde. Viele Besucher verbinden die Geschichte mit der Eremitage, weil beide zur kaiserlichen Residenzlandschaft gehören – aber räumlich und organisatorisch sind es zwei getrennte Häuser.
Wie planen Sie das Bernsteinzimmer richtig?
Wer beides sehen will, plant zwei getrennte Tage ein. Der Katharinenpalast erfordert eine eigene Anfahrt, meist mit Vorortzug oder Taxi, und eine separate, oft streng limitierte Zeitzuteilung. Ich habe versucht, beides an einem Tag zu schaffen – es geht, aber es ist kein Vergnügen. Der Rückweg im Berufsverkehr hat mich damals fast zwei Stunden gekostet.
Eremitage St Petersburg Katzen: die heimlichen Bewohner
Die Katzen der Eremitage sind kein Mythos, aber sie sind auch nicht das, was Touristen erwarten. Sie leben seit Generationen im Haus – Katharina die Große soll Katzen zur Mäusejagd in den Palast geholt haben, und diese Tradition hat die Revolution, die Belagerung und den Zusammenbruch überdauert.
Heute halten sich die Tiere überwiegend im Untergeschoss, in den Kellern und Verwaltungsbereichen auf, wo sie weiterhin gegen Nagetiere eingesetzt werden. In den Ausstellungssälen laufen sie gelegentlich herum, aber ein garantierter Anblick sind sie nicht. Es gibt eine kleine Gruppe von Mitarbeitern, die sich um sie kümmert, und Besucher bringen regelmäßig Futter mit – was offiziell nicht vorgesehen ist.
Kann ich die Katzen sehen?
Nur mit Glück und Geduld. Die Wahrscheinlichkeit ist in den frühen Morgenstunden vor dem großen Ansturm etwas höher, und in den Randgängen abseits der Hauptroute. Wer gezielt wegen der Katzen kommt, wird enttäuscht – wer sie zufällig antrifft, behält es.
Praktisch planen: Zeit, Karten, Reihenfolge
Der größte Fehler ist die Annahme, man könne die Eremitage „mal eben“ mitnehmen. Ein halber Tag ist das Minimum, realistisch sind vier bis fünf Stunden, und wer die Neue Eremitage wirklich sehen will, braucht einen zweiten Besuch.
| Besuchstyp | Dauer | Was realistisch drin ist | Was nicht |
|---|---|---|---|
| Kurzbesuch | 2 Stunden | Winterpalast, Jordan-Treppe, ein Rembrandt-Saal | Moderne, Skythische Goldfunde |
| Halber Tag | 4 Stunden | Winterpalast plus Neue Eremitage, zwei Schwerpunkte | Antike, Kunsthandwerk |
| Ganzer Tag | 6–7 Stunden | Alle Gebäude außer Theater, drei Schwerpunkte | Alles, was Sie sich nicht vorher markiert haben |
| Zwei Tage | je 4 Stunden | Alles, inklusive Antike und Sonderausstellung | Nichts Wesentliches |
Karten und der beste Zeitpunkt
Die Kartenlage ist das eigentliche Nadelöhr, nicht die Größe des Hauses. In den Sommermonaten sind die Schlangen am Vormittag am längsten; wer kurz nach der Öffnung kommt oder in den späten Nachmittagsstunden, spart oft eine gute Stunde. Online-Tickets mit Zeitslot sind inzwischen der Standard und ersparen das Anstehen an der Kasse – aber sie sind kontingentiert und an Feiertagen schnell weg. Prüfen Sie die Öffnungstage vorab, denn der Ruhetag wechselt und ist nicht immer Montag.
Welche Reihenfolge ist die beste?
Anders als die meisten: nicht mit der Jordan-Treppe beginnen. Gehen Sie zuerst in die Neue Eremitage und arbeiten Sie sich zurück. Der Grund ist einfach – die Hauptroute füllt sich am Vormittag zuerst, und die großen Gemäldesäle sind dann unangenehm voll. Wenn Sie gegen den Strom laufen, haben Sie die Rembrandt-Säle eine halbe Stunde für sich.
Eremitage deutsch: Führungen, Sprache, Verständigung
Deutschsprachige Führungen gibt es, aber sie sind nicht Teil des Standardangebots und müssen meist vorab gebucht werden – häufig über Reiseveranstalter oder spezialisierte Anbieter. Vor Ort finden Sie Audioguides in mehreren Sprachen, darunter Deutsch, aber die Auswahl an kommentierten Sälen ist begrenzt.
Meine Erfahrung: Die Beschilderung in den Sälen ist auf Russisch und Englisch, teils zusätzlich auf Deutsch. Wer sich auf die deutsche Version verlässt, wird an manchen Stellen im Stich gelassen. Ich empfehle, sich vorab eine Liste der wichtigsten Werke mit Raumangaben zu machen – das ersetzt jede Führung und kostet zwanzig Minuten Vorbereitung.
Ehrlich gesagt habe ich selbst erst beim dritten Besuch verstanden, wie viel mir die Sprache verschleiert hat. Die Saaltexte erklären oft mehr als der Audioguide.
Was bleibt
Die Eremitage ist kein Ort, den man abhakt. Sie ist ein Ort, an dem man sich entscheiden muss – und die Qualität des Besuchs hängt fast vollständig an dieser Entscheidung, nicht an der Größe des Hauses. Wer zwei Schwerpunkte wählt und den Rest bewusst liegen lässt, sieht mehr als jemand, der alles abläuft.
Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieses Gebäudes: Die Zaren haben hier jahrhundertelang gesammelt, um zu zeigen, dass sie alles besitzen können. Sie können es nicht. Niemand kann. Der Besuch funktioniert erst, wenn man aufhört, das zu versuchen – und sich stattdessen vor ein Bild stellt und wartet, bis es etwas sagt.
Beim letzten Mal war es ein kleiner Rembrandt, nicht der berühmte. Ich stand zwanzig Minuten davor, ohne zu wissen, warum. Genau so sollte es sein.